In Zeiten hoher Inflation mehr Gehalt verhandeln

Gib Deinem Leben den Wert,
den es verdient.

LERNE MICH KENNEN.

Die Inflation ist in unseren Portemonnaies angekommen. Die Regierung verspricht Hilfe. Doch die Frage nach mehr Geld solltest Du jetzt auch deinem Chef stellen. Wie das geht, erfährst Du nachfolgend

Anmerkung: Dieser Artikel ist zuerst am 05.05.2022 bei FOCUS online veröffentlicht worden. Als Urheberin habe ich mir, neben kleinen Änderungen, erlaubt, die Anrede in die „Du-Form“ abzuändern.

Wir erleben derzeit Inflationshöchstwerte: die Statistik spricht von einem voraussichtlichen Verbraucherpreisindex in Höhe von 7,3 Prozent – einer Inflationsrate so hoch, wie seit 1981 nicht mehr. Für Haushaltsenergie, also Strom, Gas und andere Brennstoffe sowie Kraftstoffe muss noch tiefer in den Geldbeutel gegriffen werden: Hier sind die Preise im Schnitt um 39,5 Prozent (im Vergleich zum Vorjahresmonat) gestiegen (Quelle: Statistisches Bundesamt). Lieferkettenengpässe, Rohstoffknappheit und stillstehende Containerhäfen – die Auswirkungen der Corona Pandemie führen uns wie ein Vergrößerungsglas die Kehrseite der Medaille der Globalisierung groß und deutlich vor Augen. Deutlich spürbar, denn das Niveau unserer Gehälter wurde durch die extremen Preissteigerungen in null Komma nix um etliche Jahre zurückgeworfen. Als würde das allein nicht reichen, spitzt sich die Lage an den Rohstoffmärkten durch Putins Krieg in der Ukraine weiter zu. Wir sehen das tagtäglich Im Supermarktregal. Nach dem Corona-Trend des Klopapierhamsterns folgen Sonnenblumenöl und Mehl. Auch der Senf zu unserer Grillwurst steht schon in den Startlöchern: als neuer Kandidat auf der Hitliste der steigenden Preise. Die Folge: Das durchschnittliche Monatsnettoeinkommen in Höhe von etwa 2.000 Euro ist nur noch etwa 1.850 Euro wert. Mit anderen Worten: Unsere Gehälter sind spürbar gesunken.

„Wir haben Inflation in Rekordhöhe, die Rohstoffpreise steigen und steigen, wir haben Lieferkettenengpässe und Sie wollen jetzt mehr Gehalt?!“

„Ja, genau, jetzt erst recht!“ müsste (Konjunktiv, wohlgemerkt) die erste Reaktion lauten – „trotz oder wegen alldem!“

Bis vor wenigen Jahren sprachen wir bei einer Gehaltsanpassung in Höhe von etwa 3 Prozent noch von einem Inflationsausgleich, also der Erhaltung der Kaufkraft. Heute würde selbst eine Gehaltserhöhung von 5 Prozent rechnerisch ein Minus von über 2 Prozent bewirken. Bei unserem Beispiel von 2.000 Euro netto hieße das: Aus 2.100 Euro nach der 5-Prozent-Gehaltsanpassung wird real etwa 1.940 Euro (Rundungsdifferenzen vorhanden).

Zudem spüren wir bei einem Einkauf, dass unsere „persönliche Inflationsrate“ die Werte der offiziellen Teuerungsrate oft noch übertrifft. Der Warenkorb der Statistiker umfasst etwa 650 Güter und Dienstleistungen, mit einer Gewichtung der einzelnen Positionen und Preise an den Haushaltsausgaben, die nur alle 5 Jahre aktualisiert wird. Demnach stimmt der offizielle Warenkorb selten bis gar nicht mit unserem eigenen Einkaufswagen an der Kasse überein.

Eine nennenswerte Gehaltserhöhung müsste sich demnach in einem Bereich von 10 bis 15 Prozent oder sogar mehr bewegen. Was also tun?

Die Inflation war noch nie ein guter Grund für mehr Gehalt!

Doch die Inflation als Grund für eine Gehaltserhöhung, die den Wortteil Erhöhung auch verdient hat, anzuführen, war noch nie ein guter Rat. Selbst die momentanen Inflationshöchstwerte würden argumentativ zum Boomerang werden. Denn die Inflation betrifft uns alle: Die Produktions-, Lager-, Liefer-, Betriebskosten steigen für den Arbeitgeber genauso wie die Lebenshaltungskosten auf Verbraucherebene, wenn nicht um ein Vielfaches mehr. Die bereits erwähnten geschlossenen Seehäfen aufgrund Chinas Zero-Covid-Politik haben Auswirkungen auf den weltweiten Warentransport. Kostete ein 40-Fuß-Container auf seinem Seeweg von Shanghai nach Rotterdam im Januar 2020 noch 2.000 US-Dollar (USD), so ist dessen Preis im Januar 2022 auf sagenhafte 14.028 USD gestiegen (Quelle: Chemietechnik.de, aktuelle Preisentwicklung für Containerschiffstransporte) das sind mehr als 600 Prozent!

Die Frage ist also: Wie überzeuge ich gerade jetzt meinen Chef, dass ich mehr verdiene?

Mache dir konkret Gedanken dazu, was du in deinem Wirkungsbereich wirklich leistest. Dazu sollten deine Überlegungen für eine adäquate Gehaltserhöhung in folgende Richtung gehen:

  • Habe ich mittlerweile mehr Aufgaben im Vergleich zur ursprünglichen Arbeitsbeschreibung?
  • Habe ich größere Projekte koordiniert, betreut oder erfolgreich abgewickelt?
  • Habe ich Kolleginnen oder Kollegen angelernt oder auch geführt?
  • Habe ich entscheidende Erfahrungswerte dazugewonnen, die künftig für mehr Effizienz und noch bessere Arbeitsergebnisse sorgen?
  • Konnte ich wichtige Prozesse mit nachhaltiger Auswirkung auf die Wertschöpfungskette des Unternehmens optimieren?
  • Habe ich einen wichtigen, umsatzstarken Kunden reaktiviert oder gewonnen?
  • Habe ich eigene Ideen zur Produkt- oder Prozessverbesserung beigesteuert?
  • Konnte ich im Einkauf besonders gute Konditionen (zum Beispiel für die neue Software) erzielen?

Wage den Perspektivwechsel: Weg von der Rolle eines „Bittstellers“ hin zum Gesprächspartner auf Augenhöhe

Mache dir deinen (Mehr)Wert bewusst und mache dir klar, dass gerade in diesen herausfordernden Zeiten der „Rekordinflation“, der Pandemie (nein, sie ist leider noch nicht vorbei), der geopolitischen Spannungen und der Herausforderung durch den Klimawandel das Leben weitergeht. Die Umsätze laufen weiter, die Gewinne auch, etliche Unternehmen melden steigende Absätze, Firmen werden weiterhin übernommen und für gute Köpfe wird gutes Geld gezahlt.

Zudem fehlt es immer mehr an guten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der vieldiskutierte Fachkräftemangel verschärft sich zusehends. In vielen Branchen (Pflege, IT, Mechatronik, Klempnerei, Fahrzeugbau) fehlen Fachleute. Das Werben um junge und gut qualifizierte Talente auf dem Arbeitsmarkt, der „War for Talents“ geht munter weiter.

Versetze dich in die Rolle deines Arbeitgebers. Diesen kostet es ebenfalls Zeit und Geld, eine, vielleicht deine, Stelle neu zu besetzen. Etwa ein halbes Jahresgehalt, je nach Position auch bis zu 2 Jahresgehälter oder mehr, kostet es, einen gut eingearbeiteten Mitarbeiter zu ersetzen.

Frage dich, was jetzt für deine Organisation, für dein Unternehmen zählt:

    • Vor welchen Herausforderungen steht meine Branche?
    • Wie kann es gelingen, Prozesse ressourcenschonender zu gestalten?
    • Was kann unsere Firma dazu beitragen, um umweltschonender zu werden (zum Beispiel: Recycling, Trennung von Müll in verschiedene Rohstoffe, dadurch weniger Gesamtabfall)
    • Wie kann ich zu einer guten Kundenbindung beitragen?
    • Welche Idee habe ich, um unser Unternehmen im Markt besser zu positionieren?
    • Welche Vision verfolge ich in meinem Wirkungsbereich?

    Jetzt erst recht!

      Wenn du dir diese Hintergründe bewusst machst und dir dazu noch der Perspektivwechsel gelingt, dich in die Lage deines Vorgesetzten mit seinen Beweggründen, Überlegungen oder auch Bedenken hineinzuversetzen, wirst du nicht als Bittstellerin oder Bittsteller wahrgenommen, sondern als ernstzunehmende Gesprächspartnerin auf Augenhöhe.

      Deine Zutaten für das nächste Entwicklungs- oder Gehaltsgespräch: Mut, Haltung und eine fundierte Vorbereitung!

        Jetzt gilt es, die Weichen für die kommenden Monate und Jahre zu stellen. Denn gerade jetzt zählt es, wenn die Unternehmen eine gute Kundenbindung unterhalten, Prozesse im Unternehmen optimieren oder aufsetzen, die laufenden Großprojekte erfolgreich zu Ende führen und Innovationen entwickeln. Dazu braucht es überall eine gute und mitdenkende Belegschaft. Verkaufe deinem Arbeitgeber in deinem Gehaltsgespräch deine Mehrleistung und vielleicht hast du ja die zündende Idee, wie deine Organisation die Herausforderungen durch die Digitalisierung, Abhängigkeiten von Rohstoffen, Klimawandel und demografischer Entwicklung angehen kann und was du konkret in deinem Wirkungsbereich dazu beisteuern kannst?

        Vielleicht ist es hilfreich, sich einmal Gedanken zu machen, nicht alles Just-in-Time zu fertigen, Abhängigkeiten weiter auszubauen und nahezu sämtliche Fertigungsprozesse billig (?) nach Fernost auszulagern, statt vor Ort zu produzieren. Zu teuer? Wie teuer ist nochmal der 40-Fuß-Container von Shanghai nach Rotterdam?

        Sind die fetten Jahre vorbei?

        Sind die fetten Jahre vorbei?

        LERNE MICH KENNEN.

        Sind die fetten Jahre vorbei? Gedanken zu Konsum, Nachhaltigkeit und Krise.

        Angesichts unserer täglich steigenden Ausgaben für die Lebenshaltung neigen wir schnell zum kollektiven Wegklagen: „Früher war alles besser!“ Aber stimmt das?

        Anmerkung: Dieser Artikel ist zuerst am 28.12.2022 bei FOCUS online veröffentlicht worden.

        Besser war es durch die eigene Wahrnehmungsverzerrung. Diese entführt uns in eine verklärte, mit zarten Farben übertünchte Vergangenheit, die jedoch nur Projektionsfläche unserer eigenen Gedanken ist. Sinn und Zweck dieses Gedankenspiels ist, in schlechten Zeiten für ein angenehmeres Gefühl zu sorgen, für das Durchhalten, das Ertragen von Krisen. Sonst wäre die Menschheit vermutlich längst ausgestorben. Psychologen vermuten, dass der Blick durch die rosarote Brille in die Vergangenheit uns davor bewahrt, an der Realität zu verzweifeln.

        Doch, wenn das kollektive „heute ist alles so unsicher, schwierig, schlecht planbar“ dazu führt, gar nicht erst ins Handeln zu kommen, wird es tückisch. Zu verlockend ist es, die Verantwortung mit dieser Ausrede einfach wegzuschieben. Schließlich lässt sich der riesige Berg an Problemen als einzelner Mensch ohnehin nicht lösen. Also stimmen wir wieder ein in den Chor: „Früher war alles besser!“

        War früher alles besser?

        Wenn es um den allgemeinen Lebensstandard gilt, eher nicht. Fragen wir unsere Eltern und Großeltern: Jedes Jahr dreimal in Urlaub? Alle paar Jahre ein neues Auto und neuen Fernseher? Definitiv nicht, wird die Antwort lauten.

        Ich kann – trotz Rekordinflation – volle Restaurants und Cafés wahrnehmen. Übervolle Flughafenterminals platzten noch vor wenigen Wochen aus allen Nähten. Auf Social Media grüßen Menschen aus ihrem dritten Urlaub in diesem Jahr, natürlich von hippen, instagramtauglichen „Places-to-be“. Mehrmals pro Jahr in Urlaub? Das scheint für viele Menschen Standard zu sein, und jetzt erst recht, schließlich müssen die Zeiten des Lockdowns während der Pandemie aufgeholt werden. So schnell sind die Zeiten der ruhigen, flug- und kondenzstreifenfreien Himmel und der kristallklaren Kanäle Venedigs vergessen. Das Leben geht weiter.

        Wie passt das zusammen?

        Krisen sind keine Sackgassen. Der Kalenderspruch „in jeder Krise steckt eine Chance“ darf ernst genommen werden. Aber, worin steckt denn nun die Chance in diesen Zeiten?

        Es ist eine Definitionsfrage

        Der Motor unseres Wirtschaftssystems ist das ewige Wachstum. Bereits seit den 1920er Jahren wird an der geplanten Obsoleszenz geforscht, der mit Absicht verkürzten Lebensdauer von Gebrauchsgegenständen, um die Nachfrage zu stimulieren. Wegwerfen statt Reparieren.

        Statt dem Werbeversprechen „hält ein Leben lang“ folgen wir „dem neuesten Must-have!“ Ist das die geplante Sollbruchstelle des Fortschritts? Der Genickbruch unseres Weltwirtschaftssystems mit dem Mantra des ewigen Wachstums auf einem endlichen Planeten mit begrenztem Rohstoffvorkommen?

        Leisten wir uns heute mehr Produkte, aber weniger Qualität? Sind wir früher bewusster und sorgsamer mit unserem Hab und Gut umgegangen, einfach, weil wir viel länger darauf sparen mussten und wir noch die Großeltern im Ohr hatten, die uns vom Mangel während des Krieges erzählt haben?

        Das ist die Chance

        Genau dieser Widerspruch des ewigen Wachstums auf dem endlichen Planeten ist unsere Chance. Warum werden die Herstellungs- und Entsorgungskosten von Produkten nicht in dem Endkundenpreis mit eingepreist? Warum müssen die Rohstoffe, die in unseren Elektronikartikeln eingebaut worden sind, mehrmals um den halben Erdball reisen? Warum werden sie unter widrigen Umständen aus der Erde gewonnen, dann unter prekären Umständen in ein Gehäuse eingebaut, um schließlich auf Mülldeponien unter für Mensch und Umwelt hochgefährlichen Umständen wieder aus dem Gehäuse herausgelöst zu werden, um schlussendlich wieder dem Rohstoffmarkt zugeführt werden zu können? Ein Kreislauf, aber ohne die Berechnung der Folgen für Mensch und Umwelt.

        Was wäre wenn?

          Wäre es nicht sinnvoller, die Kühlschränke, Computer, Mobiltelefone und Autos so herzustellen, dass sie länger hielten und modular aufgebaut wären, so dass bei technischen Neuerungen lediglich die entsprechenden Module ausgetauscht werden müssten? Wäre es nicht sinnvoller, dass die Hersteller für die komplette Lieferkette ihrer Produkte verantwortlich und haftbar gemacht werden können? Wäre es nicht sinnvoller, wenn die Hersteller ihre kaputten Produkte zurücknehmen, reparieren und wiederverwerten müssten, ohne sie illegal in Dritte-Welt-Länder zu verschiffen?

          Und wäre es nicht sinnvoller, wenn wir weniger Zeug bräuchten und die Dinge mehr Qualität hätten?

          Und wie wäre es, wenn die Werte Nachhaltigkeit, Müllvermeidung, Langlebigkeit wichtiger wären als das Werbesprechen des neuesten „Must-Have-it-Piece“? Und wie wäre es erst, wenn der Kapitalmarkt ausschließlich die Prinzipien der Müllvermeidung, des ökologischen Fußabdrucks und der Produktlanglebigkeit zur Bewertung von Aktiengesellschaften heranzöge?